Donnerstag, 18. August 2016

Zwei Ladies im Land der Wollies.

+++29.05.2016+++

Als ich den Wecker abgeschaltet habe, bleibt ein Rauschen im Raum. Das wird doch nicht? Ich blinzele ins Zimmer. Mein Mund ist trocken, die Nase etwas zu. Das Bild meiner Augen krisselt leicht, wie eine verrauschte Digitalaufnahme. Ich habe meine Brille noch nicht auf. Die Sinne kehren zurück. Es ist Sonntag, ich bin in Hamburg und das Rauschen kommt von der Mellingburger Schleuse, deren Becken gleich neben dem Haus liegt. Ich wuchte mich aus dem Bett, ziehe die Vorhänge auf und blicke nach draußen. Sonnenschein sieht anders aus. Egal. Kein Regen.

Ohne Frühstück verlasse ich das Haus und laufe zu Gesa. In meiner Hand nur der Helm und der Tankrucksack. Gesa rasch vom Hauptständer gekippt und Helm und Handschuhe an, Motor an und los. Ich rolle die sonntäglich ruhige Wellingsbüttler Landstrasse entlang. Wenige Kilometer entfernt wartet eine Frau auf mich, die ich bislang noch nicht näher kenne. Nur das, was sie in ihrem Blog schreibt, kenne ich bislang. Und ihre Stimme. Gestern Abend haben wir kurz telefoniert. Ihre Stimme klang gleich vertraut. So habe ich sie mir vorgestellt. Ich bin gespannt, wie das Treffen mit ihr sein wird. Am Ohlsdorfer Friedhof mache ich einen kleinen Schlenker über die Fuhlsbüttler Strasse und biege dann in die Alsterdorfer ab. Nun kann nicht mehr viel schiefgehen. Vorbei an dem Haus, in dem die nette Frau Behr mit ihrem Mann gewohnt hatte, die es sicher schon lange nicht mehr gibt. Ich hänge sogleich wieder meinen Gedanken hinterher. So lange her das alles schon wieder. Beinahe verpasse ich meine Abfahrt. Ich biege auf einen Hof ein und sehe schon ein glänzendes Motorrad, hinter dem eine winkende Frau steht. Polly.
Sie hat ein blaues Piratentuch auf den Haaren, Schwarzes Leder an und blaue Schuhe. Ich kann es nicht erwarten, Gesa zu stoppen und mir den Helm vom Kopf zu reißen. Meine Güte, wie ich mich freue. Es ist jetzt schon, als wenn wir uns seit Urzeiten kennen würden. Sofort sind wir im Gespräch. Es ist sofort so vertraut, so normal. Nicht, als wenn wir uns das erste Mal überhaupt sehen würden. Wir brechen also auf, uns etwas zum frühstücken zu suchen. Rauf auf die Motorräder, los.
Vorbei an Heides Wohnung, bei der ich auch schon allzulange nicht mehr war, geht es runter in die Stadt.
Polly fährt voraus, an der Alster entlang, hinter dem Hauptbahnhof rum und vorbei daran, wo früher die Kepa und Horten waren, hinunter zur Hafen City. Die Hafen City ist neu. Modern. Beton. Ein Teil von ihr ist die alt ehrwürdige Speicherstadt, der größte Teil ist aber neu. Wo "Hein Gas" war. Wo die ganzen Schuppen waren. Es ist jedes Mal wie in meinen Alpträumen, in denen ich durch Hamburg irre und keine Ahnung habe, wo ich mich befinde. Ich weiß nur, es muss Hamburg sein. Nur, wo bin ich?. Alles ist groß und fremd. So geht es mir nun auch gerade. Allerdings habe ich hier eine blasse Ahnung wo wir sind. Beziehungsweise, wo wir eigentlich sein müssten. Pollys PJV blinkt links. Wir biegen ab. Polly bedeutet mir, daß wir einen Parkplatz suchen. Schließlich stellen wir die Motorräder auf einer gepflasterten Fläche ab, wo schon zwei Motorroller stehen. „Da vorne muss es sein!“ ruft Polly zu mir rüber und deutet über eine Wasserfläche hinweg auf einen Häuserblock. Es hat leicht angefangen zu tröpfeln. Zunächst nicht bedrohlich, aber es tröpfelt. Wie ich meinen Helm anschließe, brummen seltsame Gefährte vorbei. Es sind eine Art motorisierter Seifenkisten. Das ist eine Stadtrundfahrt, erklärt Polly, die meinen verdutzten Blick verstanden hat. War ich wirklich so lange nicht mehr hier?
Als wir am ehemaligen Hafenbecken entlanggehen, hat sich aus dem Tröpfeln ein Regen entwickelt. „Was machen wir, wenn es weiterregnet?“ Wir zucken die Schultern. „Dann können wir noch in die Kunsthalle gehen, dann machen wir halt was anderes.“ Wir entscheiden uns für ein Wiener Caféhaus. Zu unserem Erstaunen sitzen wir tatsächlich zwischen lauter Österreichern. Aus den dicken Lederjacken raus und erst mal Frühstück bestellt.
Sofort versinken wir in Gesprächen, vergessen fast die Welt da draußen. Die kann man allerdings auch gerade gerne vergessen, es hat sich eingeregnet. Als die Uhr auf zwei geht, wird es draußen etwas heller. Leute kommen auch schon ohne Schirme vorbei. Wir nehmen noch ein letztes Getränk und dann geht es los. Wir wollten an der Elbe entlang, und der Plan steht immer noch. Es ist Anfang Juni, da ist es lange hell, das Wetter wird besser, da sind wir uns sicher, also los. Zurück zu Gesa und der PJV. Der Helm ist trocken geblieben, die Motorräder hat auch niemand mitgenommen, also machen wir uns rasch fertig und sind bald drauf auf der Straße.
Wir biegen am Baumwall in Richtung Landungsbrücken ab und rollen am Hafenrand entlang. Am Altonaer Fischmarkt biegen wir ab in die Große Elbstrasse. Der Fischmarkt ist schon seit ein paar Stunden rum, alles ist wieder aufgekehrt, alle sind nach Hause gegangen, die Musik in der Auktionshalle ist auch schon lange aus. Mit Elke bin ich hier oft gewesen sonntags, bis um zwölf gibt es Livemusik, umsonst und in Farbe. Getanzt, gelacht, Freunde und Bekannte getroffen. Bruni, Kuddel und Atze. Alle schon tot. Sabine, Michael mit dem Fahrrad, Texas mit dem Fotoapparat, was aus ihnen wohl geworden sein mag. Ob sie noch kommen? Hier haben wir die „Bats“ gesehen, die alte Star Club Legende, „Boppin`B“, oder “Miss Smith“. Oder Irmchen. Eine alte Dame, die Schlager sang.
Jetzt fahren wir auf den Maschinen rührungslos auf dem nassen Pflaster an diesem Ort vorbei. Nur ein kurzer Blick zur Seite, dann haben uns unsere edlen Rösser bereits weitergezogen. Durch den Altonaer Hafen geht es zur Rampe, die uns zum Altonaer Balkon emporbringt. In der Kurve erwischt Polly ganz blöde einen gußeiserenen Gullideckel und die PJV macht einen nicht zu verachtenden Satz nach links. Scheinbar ungerührt gibt sie danach wieder Gas. Ich hätte vermutlich erst mal angehalten und durchgeatmet. Und auf die blöden Gußdeckel geschimpft. Der Teufel soll sie holen, die Mistdinger!
Oben dann, auf der Elbchaussee, läuft wieder alles wie es soll. Ich merke allerdings, daß Polly der Rutscher doch mehr mitgenommen hat, als ich zunächst gedacht hätte. Wir kommen durch Blankenese und halten auf Wedel zu. An der Chaussee von Rissen halten wir kurz an. Unser Plan ist es, so dicht an die Elbe heranzukommen, wie möglich. Wir zuckeln durch Wedel, kommen am Hafen entlang, hier war ich auch schon lange nicht mehr, und suchen uns einen Weg durch ein Wohngebiet. Polly hat ihr Händi als Navi am Lenker montiert und fährt souverän voraus. Überhaupt kommt sie mit ihrer PJV, der „Petite Jolie Vulcan“, ganz wunderbar zurecht. Wenn ich da an meine ersten Experimente mit einem Cruiser denke...
Die Gegend wird ländlicher. Wir wollen in Richtung Hetlinger Schanze, haben aber beide vergessen, daß man da nicht so ohne weiteres hingelangt. So stehen wir bald vor einem Schild, das uns die Einfahrt verwehrt. Also rumgedreht und einen anderen Weg gesucht. Das ist nicht so leicht, wie man denkt. Eine Brücke, über die wir eigentlich fahren müssten, gibt es wegen einer Baustelle zur Zeit nicht. Das zwingt uns, etwas weiter auszuholen, als wir eigentlich möchten. So kommen wir durch Uetersen und Elmshorn.
Nach ein paar wunderbaren Kilometern durch die Elbmarsch, kommen wir kurz hinter Kollmar an unser Ziel. Bielenburg. Hier gibt es hinter dem Elbdeich, unmittelbar am Wasser, ein ganz entzückendes kleines Lokal. Polly hat es ausfindig gemacht und wollte schon lange mal hier her. Das Lokal besteht aus einem Imbisswagen und ein paar Tischen und Stühlen. So banal, wie es klingt, ist es allerdings nicht. Die Möbel sind nett gruppiert und bestehen teilweise aus alten Paletten. Das alles gibt einen modern rustikalen Stil. Wir ordern Kaffee und Kuchen und ich juchtze entzückt, denn auf dem Kuchen ist ein Bild von einem Schaf!
Damit nicht genug, überall sind Schafe. Am Deich gehen sie ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit nach und fressen Gras.
Wollies Kumpels, ihn selbst haben wir nicht getroffen.
Polly und ich suchen uns einen hübschen Platz mit Blick auf die Elbe. Die Sonne ist, etwas verhalten zwar, hinter den Wolken hervorgekommen und zaubert aus diesem Fleckchen Erde nun einen der schönsten Plätze der Welt. Wir halten uns an unseren Kaffees fest, blinzeln auf das Wasser und genießen den Augenblick. Und sind sofort wieder am Erzählen. Wir haben so viel gemeinsam. Nicht nur das Motorradfahren und das Reisen mit dem Motorrad, oder die Fotografie. Da ist so viel mehr. Dieser Nachmittag müsste viel viel länger sein, als er jemals sein kann.
Irgendwann zwingt uns allerdings die Vernunft zum Aufbruch. Wir müssen wieder nach Hamburg zurück, schließlich wollen wir noch irgendwo etwas essen.
Als wir die Motorräder wieder gesattelt haben und losfahren, sind die Straßen, die vorhin noch nass gewesen sind, abgetrocknet und die Sonne ist vollständig zwischen den Wolken hervorgekommen. Ich merke, das Polly lockerer wird und befreiter fährt. Der Rutscher hatte lange gewirkt.
Wir cruisen gemütlich zurück durch die Elbmarsch und kommen wieder nach Wedel zurück. Hier über nehme ich wieder die Führung und biege in eine kleine Straße ab. Hier war doch die Sandkuhle gewesen? Ach so, da hatten sie ja einen Golfplatz draus gemacht. Erinnerungen vermischen sich. Noch einmal abbiegen, schwups, schon sind wir da. Im Wald oberhalb des Falkensteiner Ufers liegt eine nette Wirtschaft mit guter Küche und zivilen Preisen. Hier wird es Abendessen geben. Und es wird dunkel sein, bis wir wieder herauskommen. Es gibt so viel zu erzählen.
Labskaus
Es ist wirklich spät geworden, als wir wieder bei den Maschinen stehen. Morgen ist Montag, Polly muss zur Arbeit, also nichts wie nach Hause! Ich übernehme wieder die Führung, hier ist mein Beritt, und wir brodeln über den spätabendlichen Ring in Richtung Eppendorf. Einen kleinen Schlenker am Nedderfeld und dann sind wir auch schon wieder auf dem Hof, wo ich sie heute morgen getroffen habe.
Nee! Ich will noch nicht nach Hause, ich will noch nicht Abschied nehmen! Sie sieht das genauso, und so sind wir auf dem besten Wege die Zeit schon wieder aus dem Auge zu verlieren. Aber irgendwann muss es dann doch sein und ich ziehe mit Gesa wieder davon, winke noch einmal und bin dann schon wieder verschwunden. Wo ist dieser Tag bloß geblieben? Gesa und ich brummen hinein ins Alstertal und stehen bald drauf wieder auf dem Hotelparkplatz. Heute wird es kein Bier mehr geben. Es ist schon lange alles dunkel. Ich schleiche mit meinem Tankrucksack und dem Helm die Treppen hinauf und verschwinde so leise wie möglich auf meinem Zimmer.

Es gäbe noch so viel zu erzählen von diesm Tag, das kann ein einzelner Blogpost einfach nicht wiedergeben.

Heute war ein ganz besonderer Tag. Einer von denen, die es nur ganz selten im Leben gibt.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Der Ruf der Landstrasse - Oder Rhein - Elbe - Express

+++28.05.2016+++


Mittwochabend. 
Ich bin mit Lasse zum Essen beim Vietnamesen.  Irgendwas kratzt da in meinem Hals. Das wird doch nicht...? Oh nein!
Donnerstag. 
Feiertag. Na klasse. Das Kratzen ist immer noch da. Ich hasse es jetzt schon. Bis zum Abend ist eine respektable Erkältung daraus geworden, mit Husten und allem Komfort. Ich dusche so heiß es geht und lege mich mit Wärmeflasche und doppelter Decke ins Bett.
Freitag. 
Ich bin total neben der Spur und laufe den halben Tag wie Falschgeld rum. Abends sitzen wir trotzdem bei Ikea und ich huste und schniefe noch ein wenig.

Sonnabend! Sonne! Neun Uhr morgens! Los!
Ich habe Gesa mit den Koffern und dem Tankrucksack behängt und starte in den sonnigen Morgen. Ich fahre auf die Autobahn, über den Rhein und biege dann ab, in Richtung Taunus. Der Verkehr ist außergewöhnlich moderat, ich komme sehr gut durch und finde mich bald, je höher ich komme, im Nebel wieder. Hinter Niedernhausen habe ich kurzzeitig eine blöde Golffahrerin vor mir, die konstant nicht blinkt und mit willkürlich wechselnder Geschwindigkeit vor mir herzockelt. Und dabei ist der Nebel nicht wirklich dicht. In Idstein bin ich sie schließlich irgendwann los und schlage mich ins Hinterland. 
Eine kurze Irritation ob des Weges gibt es noch, aber ich war im Prinzip schon richtig und gebe Gas. Je weiter ich komme, desto schöner wird auch das Wetter wieder. Der Nebel verschwindet, die letzten Wolken verschwinden und machen für Klärchen Platz. Ich singe, soweit das mit der Erkältung geht, aus vollem Hals "Ding a Dong" von "Teach In" in meinen Helm. Die Straße trocknet zusehends ab und ich schwinge fröhlich singend durch den Wald. Bis jetzt klappt mein Vorhaben "Umfahre Frankfurt so gut es geht" ganz vorzüglich. Ich nähere mich Butzbach. Bisher ist auch alles sehr gut ausgeschildert. Die kleine Straße, die ich jetzt fahre, ist anscheinend ein offizieller Schleichweg nach Butzbach. 
Nach ein paar Kilometern laufe ich auf einen BMW und einen Trakor mit Anhänger auf. Der Traktorist transportiert Holzscheite und ist engagiert unterwegs. Von seinem zweiten Anghänger sehe ich, hängt einer der Scheite bedrohlich zur Seite raus. Hoffentlich ist der noch länger, als das Stück, das ich sehen kann. In einer Ortschaft köpft er damit fast einen Radfahrer, brummt aber unvermindert weiter. Als er dann an der nächsten Kreuzung abbiegt, höre ich das typische, hohle "Klong Bong Bong..." Der Holzscheit ist der Fliehkraft gefolgt. Seinen Eigentümer kratzt das nicht, er braust davon und biegt kurz drauf in eine kleinere Strasse ab. Der BMW vor mir hält jetzt auch respektvoll Abstand zu ihm.
In Butzbach angekommen, wird der Verkehr kurzzeitig etwas dichter, die ganzen Sonnabendvormittags - Einkäufer dammeln zu ihren Supermärkten am Rande der Stadt, ich bin aber bald schon wieder draußen und lasse die Stadt hinter mir. Die Straße wird jetzt etwas breiter. Ich fahre die direkte Linie in Richtung Giessen.
Auf dem Giessener Ring ist immer viel los. Auch, wenn Sonnabend ist, denn es gibt zur Zeit eine episch lange Baustelle. Ich habe aber Glück und treffe auf eine freie Lücke und habe vor mir Leute, die vernünftig fahren. Ein kurzes Stück ist dann die Strasse wieder frei, aber es gibt in Richtung Marburg noch mal eine Baustelle. In der Zwischenzeit bin ich Zeugin geworden vom Rennen zweier getunter Landjugendrennautos. Die schenken sich nichts, biegen aber dann doch an der selben Abfahrt ab.
Diese Straße nach Marburg ist noch nicht so sehr lange so, wie sie ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wie man sich über kleine Ortschaften schlängelte und dann irgendwann die Lahn über eine uralte kleine Brücke querte. Davor hat es sich gerne mal gestaut. Einmal standen wir da in dem Stau und es riefen die Kollegen  auf dem C - Netz Telefon im Wagen an, wo wir denn blieben. Wir hätten lange schon zurück sein müssen. Aber wir waren noch nicht mal am Ziel unserer Hinfahrt angelangt. Das ist mittlerweile alles Geschichte, die Straße und die Firma, ich bin ein paar Minuten später, als ich diese Stelle von damals passiert habe, schon in Marburg und brumme auf der vierspurigen Bundesstraße durch die Stadt. Das geht eigentlich immer ohne Probleme. Diesmal stelle ich nebenher fest, daß es das Hotel nicht mehr zu geben scheint, in dem ich mal übernachtet habe. Es stand unmittelbar neben der Hochstraße und ich hatte schon sonstwas befürchtet. Als ich das Zimmer aufschloss und eintrat, fuhr unmittelbar vor dem Fenster ein dicker LKW vorbei. Aber - ich hörte - Nichts. Nichts, einfach nichts. Das war alles so gut gedämmt, daß ich wunderbar geschlafen habe, trotz Bundesstrasse vor dem Fenster.
Hinter Marburg biege ich in Richtung Korbach ab. Meine Nase hat angefangen zu laufen, was beim Helmtragen besonders blöd ist, also suche ich mir eine Stelle zum Anhalten. Nach kurzem Weg erscheint auf der rechten Seite ein Parkplatz und ich setze Blinker. Das ist eine gute Gelegenheit, auch mal was zu trinken. Wie ich noch an meinem Tankrucksack herumnestele, kommt ein weiterer Motorradfahrer auf den Parkplatz gefahren und stellt sich nicht weit von mir auf. Er hat aber nur Augen für sein Telefon, das er rasch nach der Ankunft aus der Tasche zieht. Ich packe meine Flasche aus der Plastiktüte aus und wundere mich ein wenig darüber, daß sie noch feucht ist. Ich hatte sie doch abgewischt? Egal. Vielleicht war sie auch nicht richtig zu gewesen, ich wische sie noch mal trocken und packe sie wieder weg. Noch ein paar Meter gehen und dann mache ich mich auch schon wieder fertig zur Weiterfahrt.
Als ich Gas gebe, nickt mir der andere doch noch mal kurz zu und ich nicke zurück. Ich reihe mich in den stärker gewordenen Verkehr ein und gebe Gas. Diese Straße nach Korbach ist mit Blitzern verseucht. Es könnte eine so schöne Strecke sein, aber es macht eigentlich kaum Spaß, dort zu fahren, denn in jedem Ort steht mindestens ein solch ein Ding. Entsprechend fahren die Leute da auch. Die Ortsfremden gehen bisweilen motiviert in die Eisen, man muss ständig mit dem Schlimmsten rechnen. Irgendwann aber habe ich Korbach hinter mir, auch dieses Mal wieder, ohne was von der Stadt gesehen zu haben, und rolle Richtung Bad Arolsen. Dieses Stück der Strecke habe ich im letzten April auch genommen gehabt. In Arolsen hatte ich eine Tankstelle gefunden und die steht heute auch wieder auf meiner Liste. Denn in Arolsen muss ich abbiegen. Ich suche mir also die Tankstelle vom letzten Jahr und lasse die Luft aus Gesas Tank. Das war auch dringend nötig, denn ich war gestern nicht, wie ursprünglich geplant, zum Tanken gekommen und so nicht mit vollem Tank gestartet.
An der Tanke steht noch ein weiterer Motorradfahrer, mit einer alten Honda, er nickt mir gleich freundlich zu, als ich an die Zapfsäule rolle. Er ist aber schon fertig und verschwindet, bevor ich ins Gebäude zum Bezahlen gehe. 
Wo ich schon mal dort bin, denke ich auch an mich und genehmige mir einen Kaffee, der auch dieses Mal wieder unglaublich heiß ist und eine Wurst im Teigmantel. Ein Riesending, aber mein Frühstück war, wie immer bei solchen Gelegenheiten, eher frugal. Bis mein Kaffee in den trinkbaren Bereich abgekühlt ist, vertreibe ich mir die Zeit, einen Zwischenbericht an Tom ins Händi zu tippen. Schließlich ist der Kaffee getrunken und die Wurscht gegessen und ich mache mich fertig zur Weiterfahrt. Diesmal fahre ich mitten durch Arolsen. Jetzt kann ich verstehen, wieso mein Onkel und meine Tante hier immer wieder im Urlaub hingefahren sind. Das ist ja doch ein ganz hübsches Städtchen.
Ich verlasse Bad Arolsen in Richtung Volkmarsen. Meine Erkältung lässt mich glücklicherweise einigermaßen in Ruhe zur Zeit. Es ist nicht kalt, es scheint die Sonne, alles gut. Auf der Straße bin ich jetzt fast alleine. Ein paar langsamere Autos habe ich rasch im Rückspiegel und so gleiten Gesa und ich durch die wunderhübsche Landschaft. Eigentlich immer habe ich einen "Führer" vor mir, jemanden mit einheimischen Kennzeichen, der mir zeigt, wie man hier fährt. Ich lasse diesem Führer aber immer etwas Vorsprung, damit ich rechtzeitig reagieren kann, sollte er einmal etwas noch nicht kennen. So komme ich gut voran. 
In Brakel fahre ich kurz von der Bundesstrasse ab und trinke einen Schluck. Da ist doch schon wieder die Flasche feucht. Hatte ich die doch nicht richtig abgetrocknet? Oder schwitzt die im Tankrucksack. Das hat sie ja noch nie getan. Egal, weg mit dem Ding und weiter. In Brakel fallen mir mehrere Kirchen und Bethäuser verschiedener Gemeinschaften auf, von denen ich zum Teil noch nie gehört habe. Aber ich denke nicht weiter drüber nach und folge meinem Weg. Bald hat sich wieder jemand gefunden, der zeigt, wie man hier fährt. Schön.
In Blomberg irritiert mich eine Baustelle. Ich bin mir nicht sicher, ob ich tatsächlich auf der richtigen Straße herauskomme und fahre rechts ran. Doch, ich bin hier nicht verkehrt, also weiter. An einer Kreuzung in der Umleitung hatte es offenbar eine Auseinandersetzung zwischen einem Auto und einem Motorradfahrer gegeben. Polizei steht da und interviewt die Beiteiligten. Bloß weiter und aufgepasst. Am Ende passiert mir auch noch so was, wo ich nicht ganz auf dem Damm bin.
Nach einer Weile schöner Fahrt durch herrliche grüne Landschaft, komme ich ins Exertal. An einem Schild, das "Museumsbahn" verheißt, biege ich ab und mache eine kurze Rast. Wasser ist von Nöten und Nase putzen. Ich stehe auf einem Hof, neben einem Bahngleis und wundere mich noch über meine immer noch feuchte Wasserflasche, da nähert sich auf einmal eine Fahrraddraisine
Hey, cool! Mit sowas bin ich bei mir in der Gegend auch schon mal gefahren. Das war total toll. Das muss hier wunderschön sein, so durch den Wald und durch Wiesentäler zu radeln. Ich setze das mal auf meine To - Do - Liste.
Als meine Wasserflasche verstaut ist, fädele ich mich wieder auf die Exertalstrasse ein und gebe Gas. Die Bahnlinie nähert sich immer wieder der Straße an und überquert sie auch mitunter. Ich sehe immer wieder mal wieder Leute mit Fahrraddraisinen und winke. An Rinteln werde ich großzügig vorbeigeleitet und überquere die Weser. Bald drauf passiere ich die A2 und rolle durch Buchholz weiter Richtung Norden.
Ich schlängele mich durch Stadthagen, das ich mir irgendwie netter vorgestellt habe und bin wieder mal erstaunt, wie rasch es hier wieder ländlich werden kann. Das ist etwas, das mich in vielen norddeutschen Städten, Hamburg eingeschlossen, schon verwundert hat.
Der Mittellandkanal ist nur ein kurzer Wischer im Augenwinkel, dann geht es weiter durch Wald, Felder und langgestreckte Dörfer. Hier irgendwo weiche ich etwas von meiner ursprünglich geplanten Route ab. Aber das ist alles nicht schlimm, die Straße, auf der ich jetzt bin, führt auch zum Ziel. Sie ist nur etwas schmäler. 
Dafür habe ich dann allerdings einen freien Blick auf das Kohlekraftwerk Heyden. Ich biege hinter Ilse auf die B482 und gebe Gas. Ich fliege über Felder, rolle durch Dörfer und überquere bei Leese die Grenze nach Niedersachsen. Hier biege ich ab und überquere die Weser abermals. In Stolzenau richtet sich mein Weg wieder in Richtung Norden. Mein Etappenziel ist nicht mehr weit. Hier, auf der anderen Weserseite ist auf einmal etwas mehr Verkehr. War ich bislang die meiste Zeit alleine auf der Straße, so bin ich hier Teil einer größeren Ansammlung an Fahrzeugen. Kilometer um Kilometer spult Gesas Zähler ab, es kann nicht mehr weit sein. Die Strasse macht eine Biegung an einem Waldrand, hier muss es sein. Ein Haus erscheint auf der linken Seite. Ich setze den Blinker. Ich stehe vor dem Forsthaus in Oyle. 
Hier war ein Vorfahr von mir "Gehender Förster". Ich stelle Gesa und mich in den Schatten neben dem Grundstück und mache eine kurze Pause. Als meine Wasserflasche und die Plastiktüte, in der sie steckt, immer noch feucht ist, dämmert mir, daß die Flasche irgendwo undicht sein muss. Aber das ist doch eine Aluminiumflasche! Ich beschaue sie genauer. Sie hat da unten so eine weiße Stelle, so ein Shice, da korrodiert sie! Die werde ich wohl ausrangieren können. Und sowas habe ich getrunken...
Allzulange halte ich mich in meinen Gedanken um die lecke Flasche allerdings nicht auf, ich laufe ein paar Schritte, mache ein paar Bilder und verschwinde wieder. Der Weg ist noch weit. Von Oyle fahre ich allerdings erstmal nach Marklohe. Dort haben auch Vorfahren von mir gelebt. Sie haben zu derselben Linie gehört, wie die, deren Spuren ich im letzten Jahr in Wettin verfolgt habe. Marklohe ist wohl das Kirchdorf der Dörfer dort gewesen, aber ich habe keine weitern Angaben, also mache ich dort einen kurzen Stop, mache ein Foto und bin auch gleich wieder verschwunden. Expresstourismus. 
Die Gegend werde ich aber noch mal gesondert bereisen müssen. Ich kehre zurück zur Weserbrücke vor Oyle und biege auf die Bundesstrasse. Da ich etwas von Nienburg sehen möchte, fahre ich an der nächsten Abfahrt wieder ab und folge den Schildern in Richtung Innenstadt.
Ich muss zugeben, Nienburg hatte ich mir anders vorgestellt. Das, was ich sehe, überzeugt mich nicht und ich sehe zu, rasch weiter zu kommen. Vermutlich war ich in der falschen Ecke gewesen.
An einem Kreisverkehr muss ich einmal scharf bremsen, weil sich die Frau mit dem Passat Kombi sehr spät entscheidet, doch noch im Kreisel zu bleiben. Aber es geht sich aus und ich kann unbehelligt weiterfahren. Ich folge der B215 und nach den letzten Ausläufern Nienburgs ist es nicht mehr weit, bis ich auf die B209 abbiege. 
So brumme ich mit Gesa sehr zufrieden durch die norddeutsche Landschaft in Richtung Heide. "When you're feeling all right- everything is uptight- try to sing a song that goes ding ding a dong..." Nach einer Weile unterquere ich die A27 und komme nach Walsrode. Hier bin ich einen Moment unsicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin, und stelle mich auf ein totes Stück Strasse, um die Karte zu sortieren und zu schauen wo ich bin. 
Wäre ich ein paar Meter weitergefahren, hätte ich den Wegweiser schon sehen können, der mir sagt, daß ich absolut richtig gelegen habe, mit meiner Route. So geht es nach kurzem Aufenthalt weiter nach Visselhövede. Ich bin jetzt schon seit rund acht Stunden im Sattel, aber ich fühle mich immer noch wohl. Die Erkältung hat sich bisher gut verhalten und ich habe einen einigermaßen freien Kopf.
In Sprengel gibt es wieder eine Umleitung, aber die ist zum Glück nicht besonders lang und führt auch nicht zu weit von der ursprünglichen Route ab. Das Licht wird langsam goldener und wärmer. Gesa und ich sprinten fröhlich in Richtung Schneverdingen. "Ding a dong every hour, when you pick a flower..." Hier gibt es schon eine Harburger Strasse. Ich bin richtig. Kurz vor der B3 schnupfe ich noch einen Pensionistentoyota. Auf der B3 bleibe ich aber nur ein paar Kilometer, ich verschwenke in Welle Richtung Osten. In Handeloh gönne ich mir einen kurzen Abstecher in die Lüneburger Heide. Der Apriliafahrer hinter mir biegt indes ab. 
In Wesel biege ich dann ab, nach Jesteburg. Von dort ist es nicht mehr weit bis Hittfeld. Hier bekommt Gesa erst einmal wieder was in den Tank. Ich sehe auf dem Parkplatz, gegenüber der Aral, wie Leute mit Anzug und Schlips sich zusammenrotten und auf den Weg zu Sponagel machen. Dort wollte ich auch hin und etwas essen. Schließlich knurrt bei mir auch schon was. Ich beeile mich also und erkunde mit Gesa den Parkplatz beim Lokal. Da ist noch ein freier Platz und ich beschließe, mein Glück zu versuchen. Ich parke Gesa, binde den Helm fest, nehme den Tankrucksack und mache mich auf den Weg in die Gaststube. Ich habe Glück, die Gesellschaft sitzt in den hinteren Räumlichkeiten und auf der Terrasse. Vorne im normalen Gastraum ist alles leer. Nun muss ich nur noch vor den ganzen anderen bestellen. Ich überfliege die Karte und lande bei "Maischolle Finkenwerder Art". Wenn das nichts ist. Das bekomme ich, dort wo ich wohne, nicht. Also her damit!
Ich habe noch nicht lange gewartet, da kommt die junge Frau mit einem großen Tablett wieder. Sie stellt mir eine Kumme mit Kartoffeln hin, einen Teller mit Salat und einen Teller mit zwei Fischen drauf. Ich bin genau so platt, wie die beiden Kameraden da auf meinem Teller. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Dazu trinke ich alkoholfreies Hefeweizen, das baut auf. Ich sauge die Gräten bis ab, bis nichts mehr dran ist und sinke zufrieden auf meiner Bank zurück.
Nachdem ich bezahlt habe, mache ich noch einen Abstecher auf den Friedhof, meine Familie besuchen. Ich laufe, den Tankrucksack in der Hand, den Hauptweg entlang und biege schließlich in den Weg ein, in dem unser Grab liegt. Sonne scheint zwischen den Bäumen durch, es ist ein schönes Bild. Ich wundere mich, wieso der Grabstein von meiner Mutter so seltsam aussieht. Was stimmt denn mit den Buchstaben da nicht? Die sind ja runtergefallen! Ich suche mit den Händen im Efeu, kann aber nichts finden. Mir dämmert, daß die nicht alle zugleich heruntergefallen sein können. Die muss jemand geklaut haben! Aber er hat nur Buchstaben genommen, aber nicht alle. Zwei "A" sind noch da und der Geburtsname. Bei den anderen beiden Steinen, die dort stehen, sind noch alle Buchstaben vorhanden. Dabei sind sie viel größer als auf dem kleinen Stein meiner Mutter. Ich lasse die Schultern hängen. Wer zum Henker macht so etwas?? Etwas durcheinander  stapfe ich zurück zu Gesa. Wofür bezahle ich eigentlich diesen Gärtner? Sind die alle blind da? Ich versuch mich zu beruhigen, denn so kann ich nicht weiterfahren. Und das Stück, das jetzt kommt, ist noch mal etwas anspruchsvoll. Ich ziehe mich also wieder an und schwinge mich in den Sattel. Als ich Gesa starte, kann ich mich wenigstens schon wieder aufs Fahren konzentrieren.
Wie ich aus Hittfeld herauskomme, sehe ich, daß sie die Straße nach Eddelsen umgebaut haben. Da gibt es jetzt einen Kreisverkehr, ein Stück weiter. Die bekommen doch alles kaputt, oder? Ich gebe Gas, rolle am Hittfelder Bahnhof vorbei und nach Harburg rein. Hinter dem ehemaligen Strassenbahndepot ist eine Baustelle. Da hat man ziemlich großzügig etwas abgerissen. Ich fahre vor der Phoenix auf die Hochstrasse in Richtung Wilhelmsburg. Nach ein paar hundert Metern empfängt mich eine Baustelle. Aber es ist schon recht spät, schon bald neun, da ist nicht mehr viel los. Ich komme über die Süderelbbrücke. "Gesa schau, die Elbe!" An Wilhelmsburg komme ich gut vorbei und über die Norderelbbrücken. nach Hamburg rein. Ich muss mich recht weit rechts einsortieren, damit ich auf den Heidenkampsweg gelange. Am Berliner Tor muss ich kurz aufpassen. Nanu? Was ist das denn? Da ist eine tiefe Baugrube. Irgendwas fehlt hier. Ich halte auf die Mundsburgtürme zu. Hier staut es sich ein wenig, aber es ist nicht schlimm. Das liegt an der Baustelle hinter dem Berliner Tor. An der Mundsburg biege ich auf die Oberaltenallee ab und gebe Gas. Hier in Hamburg muss man etwas schneller fahren als im Süden. Sonst ist man ein Verkehrshindernis. Hier in Barmbeck erst recht. Nun muss ich nur noch geradeaus fahren. Irgendwann kommt dann der Hinweis "Poppenbüttel". Da muss ich abbiegen. Ein Stück meines Weges in die beginnende Nacht begleitet mich eine Thruxton in British Racing Green. Der Sound ist einmalig. Mal ist er ein Stück vor mir, dann ein Stück hinter mir, dann wieder vor mir. Irgendwann gibt er Gas und verschwindet. Als ich weit hinter Bramfeld schon glaube, ich bin zu weit gefahren, kommt meine Kreuzung doch noch. 
Ich hänge mich hinter einen Bus und komme so günstig davon. Am Poppenbüttler Bahnhof vorbei und dann einmal links und einmal rechts. Nun nur noch geradeaus. Die Spannung steigt. Hier bin ich schon etliche Male gewesen, aber nie bin ich hier im Dunkeln in dieser Richtung gefahren. Vorne am T- Stück muss ich links und dann den Berg runter. Da ist es. Es ist Licht an. Sehr gut. Ich fahre auf den Hof und stelle Gesa unter Bäumen ab. Feierabend. Ich nehme nur Tankrucksack und Helm mit und gehe rein. Ich checke heute das erste Mal im Hotel an der Mellingburger Schleuse ein. Das Hotel hat genau seit fünfzehn Tagen wieder geöffnet, nachdem es zwei Jahre geschlossen gewesen war. Ich hatte von der Schließung gehört und war ganz erstaunt, als ich beim Hotel buchen es in der Liste fand. Die junge Frau vom Empfang bringt mich hoch auf mein Zimmer, ich hole rasch die Koffer und ziehe mich um. Wenn ich mich beeile, bekomme ich vielleicht noch ein Bier, denn die Wirtschaft macht um zehn zu. Das ist es jetzt praktisch. Ich habe Glück, die junge Frau fragt den Ober, ob noch ein Bier für mich denkbar sei und er nickt wohlwollend. Ich bin gerettet.
Nachdem ich ausgetrunken habe, mache ich noch einen kurzen Gang hinunter an die Schleuse. Alles ist noch so, wie ich es kenne. Hier sind wir oft mit dem Boot gewesen, hier haben wir eingesetzt und sind in Richtung Duvenstedt gepaddelt. Vorbei an der Stelle, wo mein Urgroßvater das Haus gebaut hatte.
Eine Fledermaus huscht durch das Dunkel über dem Schleusenbecken, ich kehre aber besser um und kümmere mich noch mal um Gesa. Ich mache das Bremsscheibenschloss klar und sprühe noch mal die Kette ein. Dann sehe ich zu, daß ich ins Bett komme. Der Tag war lang genug, ich habe immer noch die blöde Erkältung und ich will morgen früh fit sein. Also hoch ins Zimmer und mich fertig gemacht. Die Koffer ausgeräumt und ins Bad gestellt und dann Ende für heute. Bevor ich das Licht endgültig ausmache, schreibe ich noch in mein Buch und sinke dann zufrieden zurück. Gute Nacht, Welt!

Ein ziemlicher Stremel! Bis auf das Stück am Anfang und das Stück an Giessen vorbei, bin ich alles auf Landstrassen gefahren. 603 Kilometer im Ganzen. Wäre die Erkältung nicht gewesen, wäre das alles noch viel schöner gewesen. Aber das werde ich in den kommenden Tagen noch mehrmals denken...


Freitag, 17. Juni 2016

Ein Traum von Africa - Honda Fun & Safety Adventure 2016

+++12.05.2016+++


"Du hast mich nicht gesehen!" - Ich drehe mich um. Gerhard, der Fotograf, steht hinter mir. "Du bist hinter mir gefahren und hast mich nicht gesehen!" - "Öhm, nö, tut mir leid, ich habe vermutlich versucht den Verkehr vor dir zu beobachten..." Er gibt mir trotzdem die Hand, alles wieder gut.
Wir sind in Bauschheim, bei Mainz Bischofsheim, am Rand des Hessischen Rieds. Auf der Autobahn war im Bereich der Rheinbrücke und danach die allmorgendliche Versammlung der Bürgerkäfige. Ich habe mich nach kurzer Zeit an einen anderen Kradisten drangehängt und durch die Blechbüchsen nach vorne geschlängelt. Heute ist Honda Testtag, beziehungsweise Honda Fun & Safety Adventure. Es gilt etwas Willkommen zu heißen, das lange von den Fans der Flügelmarke vermisst worden ist. Die Africa Twin.
Neben uns auf dem Hof steht eine lange Reihe der brandneuen Maschinen. Es sieht zunächst so aus, als dürften wir nachher alle eine mit nach Hause nehmen, aber es kommt anders.
Foto: Buenos Dias
"Damit" klärt man uns auf, "werden wir gleich ins Gelände gehen!" Ich hatte zwar auf Fahren gehofft, aber bitte. Gelände also. Deshalb haben wir uns also auf der ADAC Trainingsanlage in Bauschheim versammelt. Es gibt hier einen deutlich sichtbaren Offroadteil. Den werden wir also gleich unter die Räder nehmen. Wir suchen uns ein Motorrad aus und machen uns fertig.
In der ganzen langen Reihe der Maschinen, die für die Offroadpassage bereit stehen, gibt es nur eine, die über das DCT Getriebe verfügt. Ich bin nicht schnell genug und werde schalten müssen. Beziehungsweise Kuppeln.
Als wir gerade die Motoren starten, fängt es wie auf Kommando an zu regnen. Zunächst sieht es nicht schlimm aus, aber es wird binnen Minuten ein respektabler Landregen daraus. Egal. Wir starten. Unser Trainer erklärt uns, worauf wir achten sollen, daß wir aufpassen sollen, nicht in die Gegenrichtung zu geraten und daß wir zunächst eine Einführungsrunde drehen würden. Damit kuppelt er ein und brummt los. Also, erinnern, wie war das noch im letzten Jahr? Was haben wir gelernt? Oh je. Es klappt allerdings ganz gut, nur bin ich - wie üblich - nicht die schnellste am Ort. Die Maschine liegt zwar gut, den tiefen Schwerpunkt hatte ich ja schon mal bewundert, dennoch wiegt sie deutlich über 200 Kilo. Daran und auch daran, wie die Maschine überhaupt reagiert und fährt, muss ich mich erst mal gewöhnen. Irgendwann kommt mir Sandra entgegen. Entweder bin ich falsch, oder sie ist es. Wir halten an. Es stellt sich heraus, daß sie den Anschluss verloren hat und dann an eine Stelle gekommen ist, an der sie nicht weiterkommt. Nach wenigen Augenblicken hat uns aber unser Trainer wiedergefunden und bringt uns zurück auf den Weg.
Der Regen hat in der Zwischenzeit an Stärke etwas zugelegt, aber die Strecke ist noch nicht zu matschig. Also starten wir zu einer weiteren Runde. Nun ist der Weg klar, ich komme gut voran. Immer noch ist die Maschine schwer für mich. Das legt sich auf die Kondition. Fit wie ein Sack Zement halt. 
Für meine Begriffe ist die Strecke anspruchsvoll, das kommt aber in erster Linie daher, weil ich nichts gewohnt bin. Letztes Jahr, in Aufenau, war das Niveau ähnlich, vermutlich sogar höher. Damit bin ich trotz Hitze gut zurechtgekommen. Dennoch bin ich jetzt nach zwei, drei weiteren Runden geschlaucht. Der Trainer meint, wer nicht mehr kann, der soll die Maschine einfach auf dem Wendeplatz stehen lassen und zurück zu den anderen gehen. Davon mache ich Gebrauch. Die Strecke weicht zudem zusehends auf. Als ich absteige, merke ich, daß ich regelrecht weiche Knie habe. Weit wäre ich so oder so nicht mehr gekommen. Ich gehe erst mal ein Brötchen essen. Und Kaffee trinken. Und den Regen abwarten.
währenddessen
Auf die Strasse!
Als der Regen tatsächlich nach einiger Zeit schwächer wird, beschließen wir, zum Straßenteil überzugehen.
Ich hatte es vielleicht schon mal erwähnt, ich bin nicht unbedingt der größte lebende Fan des Hessischen Ried. Entsprechend turnen mich die drei vorgeschlagenen Routen nicht so wirklich an. Es wird viel geradeaus gehen, es wird langsam gehen, es wird überall Blitzer geben und schleichende Autos. Viele Autos. Was liegt da näher, als sich einfach einen Weg auf der anderen Rheinseite zu suchen. Sandra und ihr Mann schließen sich mir spontan an, als ich mich auf die NC 750 X schwinge und verkünde, einen kleinen Törn durch Rheinhessen zu machen. Die Gegend kennen beide noch so gar nicht und so fahre ich also als Guide voraus.



Die NC 750 X, die ich hier zur Verfügung habe, hat ein DCT Getriebe. Die "S" Schwester kenne ich vom letzten Jahr, da hatte ich eine Variante mit Schaltgetriebe gefahren. Die "X" ist etwas höher, aber nicht zu hoch, es ist ein auf Anhieb sympathisches Motorrad. Der Motor gurrt unter mir, als wir vom Hof rollen und auf die Strasse nach Bischofsheim einbiegen. Als wir an der Ampel vor der Autobahnauffahrt Gas geben, schleudert mein Hinterreifen stark. Es regnet immer noch. Also Aufgepasst. Der Reifen scheint sich mit Nässe nicht zu vertragen. Auf der Autobahn macht sie gleich gut Tempo, es ist von etwa fehlenden PS nichts zu spüren. Lange bleiben wir allerdings nicht auf der Autobahn, gleich hinter Weisenau ist unsere Abfahrt, es geht dann am Rhein entlang. In der Abfahrt merke ich wieder, wie die Maschine leicht rutscht. Sie läuft unruhig und kippelt dadurch. Die Reifen schwächeln stark. Bei solchem Wetter habe ich schon anderes erlebt. Das ist alles durchaus machbar. Wir geben auf der B9 Gas und kommen so rasch aus dem Gewühl heraus. Der Windschild der NC 750 X passt mir sehr gut, es ist fast wie mit Gesa, die Verwirbelungen sind moderat, nichts unangenehmes, nichts ungewöhnliches. In Bodenheim setze ich den Blinker, wir fahren ab, denn wir wollen etwas weiter ins Hinterland und wir haben nicht ewig Zeit für eine Testrunde. Andere wollen schließlich auch noch. Durch Bodenheim geht es, wie üblich, langsam. Beim DCT ist ja im ersten Moment ungewöhnlich, daß die Maschine an Stellen schaltet, wo man selbst nie schalten würde. Zum Beispiel in Kreisverkehr. Eh man draußen ist, schaltet sie schon in den vierten Gang.
Motor an, aus, Fahren, oder nicht Fahren.
Automatisch schalten lassen, oder alles selbst machen
Gang runter
Gang rauf.
Vom Schaltvorgang als solchem bekommt man nicht viel mit, es gibt eine winzige Vibration, Ruck kann man wirklich nicht sagen. Es ist wirklich nur ganz sanft spürbar. Man hört es am Motorengeräusch und man sieht es, wenn man nach der Anzeige schielt. So fahre ich im fünften durch die Ortschaft, gefühlt knapp über der Leerlaufdrehzahl. Immer wieder greife ich in den ersten Minuten nach dem Kupplungshebel. Da ist aber keiner. Als wir aus Bodenheim rausbeschleunigen, habe ich das Getriebe bereits völlig vergessen und fahre einfach drauf los.
In Gau Bischofsheim gibt es eine Stelle, die hat es in sich. Es geht in einer leichten Steigung an einer Kreuzung direkt in eine starke Steigung. Die Abbiegung ist zudem recht eng. Da kommt man mit dem Schaltmotorrad manchmal in die Bredouille. Da muss man zuweilen in den ersten Gang runter. Auch nach vielen vielen Malen, die ich da gefahren bin, habe ich vor dieser Stelle immer noch etwas Respekt. Mit DCT aber pfeiffe ich mir was, gebe Gas und erklimme die Steigung. DCT macht den Rest. Abwürgen geht nicht.
Die beiden anderen hinter mir sind mit der Kreuzung indes auch zurechtgekommen und so gleiten wir tiefer nach Rheinhessen  hinein. 
In Mommenheim biege ich ab, in Richtung Schwabsburg, das ist eine schöne kleine Straße, die durch Wiesen und Felder führt. Von Schwabsburg, da ist die Ortsdurchfahrt auch ein wenig tricky, geht es über Dexheim nach Oppenheim. Der Regen hat schon in Bodenheim aufgehört gehabt, hier draußen sind die Straßen seit Mommenheim vollkommen trocken und so können wir normal fahren. Hier sind die Reifen wieder so, wie man sie erwartet. Hui, wie das geht! Die "X" fährt sich unwahrscheinlich einfach, fast gedankengesteuert. So macht das wirklich Spaß. Wir schlängeln uns durch das alte Städtchen, vorbei an dem Haus, in dem Luther auf dem Weg zum Reichstag in Worms übernachtet hat und kehren zurück auf die B9. Es geht wieder in Richtung Norden, die Runde schließt sich. Als wir wieder am Testgelände angekommen sind, zufriedene Gesichter. Sandra und ihr Mann haben die Fahrt sichtlich genossen und loben die schöne Gegend.
Wie habe ich die NC 750 X erlebt?
Toll. Ein wunderbares Motorrad, absolut aus der Reihe "sollte in keiner Garage fehlen". In der 2016er Ausführung ist sie optisch noch etwas näher an die Crosstourer und Crossrunner herangerückt, sie ist etwas länger, der "Kofferraum" in der Tankattrappe ist etwas größer geworden und man hat sie mit ein paar Nettigkeiten noch mal aufgewertet. Beide Daumen hoch!
Neue Front
Mit LED Licht
Größeres Ablagefach, soll einen Vollvisierhelm schnupfen.
Den vom Le Fronc schon mal nicht
Den von der Moto- Minya auch nicht...
Aber den vom Hondamitarbeiter!
Königliche Runde
Nach der Mittagspause stehe ich etwas blöde da, alle Radln, mit denen ich fahren wollte, sind besetzt, oder reserviert. Also nehme ich das, was da steht. Das ist in dem Falle das größte Schiff am Pier, die Goldwing
Mit ihr bin ich ja schon mal im letzten Jahr unterwegs gewesen, diesmal habe ich also Gelegenheit, sie auf einer längeren Tour zu erleben. Le Fronc, von seiner Tour durchs Ried am Vormittag nicht so recht begeistert, schließt sich mir spontan an, als er hört, wo ich hinfahren will. Wir setzen uns also in Bewegung. Die Runde wird, der besseren Vergleichbarkeit wegen, die selbe sein, wie vorhin. Also erst mal Richtung Autobahn. Das gibt mir Zeit, mich an dieses Riesending zu gewöhnen. Beim Stop an der Auffahrt kipple ich zwar ein wenig, habe aber die Lage sofort wieder im Griff. Auf der Autobahn merke ich gleich, daß ich mit dem Windschild mich nicht anfreunden werde. Das gibt wirklich unangenehme Geräusche und es zieht mich zu sich heran. Das ist der Unterdruck hinter der großen Scheibe. Vom Radio höre ich so nichts mehr. Beeindruckend ist allerdings, wie die Goldwing abgeht. Einmal in Fahrt, stoppt sie so rasch nichts mehr. Ein Fall für Schockbilder am Lenker und innen am Windschild. Brennende oder zerissene Führerscheine wären das Idealmotiv.
In Kurven habe ich immer etwas Angst, daß ich aufsetze. Sie scheint allerdings unbegründet zu sein. Denn es gelingt mir nicht einmal, mit irgendwas am Asphalt zu kratzen. Muss ja auch nicht sein.
Als wir durch die Ortschaften cruisen, passiert es mehr als einmal, daß Passanten ehrfürchtig einen Schritt zurück treten, wenn wir kommen. Wir hinterlassen Eindruck. Sehr gut. Wenn ich jetzt noch das Radio bedienen könnte, würde ich es vielleicht lauter drehen. Fürs Image.
Von Motor und Straße ist auf der Goldwing nichts zu spüren. Durchs große Fenster vor sich sieht man zwar, daß die Straße da sein muss und durch den Vortrieb ist es wahrscheinlich, daß es einen Motor gibt, aber ganz sicher kann man sich in beiden Fällen nicht sein. Du lümmelst dich auf deiner Wohnzimmercouch durch die Landschaft. Fehlt noch die Fernbedienung in der Hand. Und die Beine kann man nicht überschlagen. Gibt so eine noch zwanglosere Haltung, ist aber nicht damenhaft.
Mich beeindruckt immer wieder auf der Runde, wie schnell man mit diesem riesigen Ding unterwegs ist. Man merkt die Geschwindigkeit eigentlich nicht. Nur wenn die Geräusche am Helm noch stärker werden, weiß man, man fährt schneller. Wenn diese Geräusche vom Helm nicht wären, man könnte die Fahrt wirklich genießen. Ich rutsche im Sessel hin und her und versuche es mit Ducken und mit Strecken, aber ich finde keine Position, in der es ideal wäre. In sofern bin ich froh, als wir wieder auf dem Hof stehen. Eigentlich schade.
Auch hier die Frage, wie habe ich die Goldwing auf einer größeren Runde erlebt?
Eigentlich klasse, aber. Es ist das übliche Aber bei mir. Aber das Windschild. Es muss doch auch anderen Leuten so gehen wie mir? Ich habe alle möglichen Positionen auf solchen Motorrädern schon ausprobiert, aber es findet sich nicht wirklich eine, in der es gut wäre. Diese großen Scheiben sehen zwar toll und komfortabel aus, sie passen aber wohl nur einem kleinen Bevölkerungskreis. Oder die Leute nehmen das einfach so hin  und denken sich nichts dabei. Wie Fahrer bestimmter Automarken. Die auch immer wieder so einen kaufen und denken, es sei normal, wenn Teile während der Fahrt abfallen.
Eh das jetzt einer missversteht! Davon kann bei Honda keine Rede sein! Alles, was ich bisher von Honda in der Hand hatte, war von großer Solidität und über jeden Zweifel erhaben. Dieses Problem mit der Scheibe ist Markenübergreifend. Da ist es völlig egal, wie das Logo auf der Seite aussieht. Deshalb ist die Goldwing ansonsten auch wirklich große Oper. Da spielts dir eine Arie nach der nächsten und es ist irr, wie du mit diesem großen Gefährt um die Ecken biegst. Unbeeindruckt. Lässig. Von Passanten bewundert. Eine Königin mit Rädern unten dran.*
Nach dieser Runde wird es für Le Fronc Zeit, nach Hause aufzubrechen, er muss noch bis Bielefeld und so verabschieden wir uns und ich wünsche ihm eine gute Heimreise.

Mit Gasmaske durch Rheinhessen?
Nun stehe ich aber wieder vor dem Problem von vorhin. Was soll ich fahren? Es sind immer noch einige Motorräder reserviert, oder nicht da, also gehe ich die Reihe ein paar Mal ab, bis ich mich schließlich auf die CB 1000R setze. Das könnte gehen. Also los. Der Motor und das Handling sind sofort angenehm, als ich auf das Zelt zurolle, um die Nummer der Maschine durchzugeben. 
Ich fahre also in Richtung Autobahn. Es ist ein Naked Bike, also gibt es hier auch keine Verwirbelungen am Helm. Der kann hier zeigen, was er kann. Ich sitze gut auf der an mir klein wirkenden Maschine. Auf der Autobahn sammelt sich so langsam der beginnende Feierabendverkehr, aber als ich in Weisenau abfahre, habe ich die Straße wieder fast für mich alleine und kann Gas geben. Die Maschine ist agil und ausgesprochen wendig. Das ist mir sofort aufgefallen. Sie ist aber auch flott. Dabei nicht brutal, nicht überfordernd.
Ich zirkle durch Bodenheim und Gau Bischofsheim. Das Abbiegen macht Spaß, enge Ecken werden rund. Ich brauche bloß zu denken, wo ich hinwill und schon folgt die Maschine. Der Lenkkopfwinkel erscheint mir recht steil, deshalb lenkt sie sich fast wie ein Fahrrad. Keine Probleme. Immer alles im Griff. Der Vierzylinder läuft erwartungsgemäß ruhig, das macht Spaß. Wenn man Gas gibt, passiert auch direkt etwas, aber man hat nie das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Im Vergleich zur 160 PS Klasse beißt sie mit ihren 125 Pferden natürlich ab, aber das Handling macht da sehr viel wett. Im Winkelwerk kommt es eh nicht auf die letzten PS an, sondern darauf, wie man ums Eck kommt. Da können auch unerfahrene Fahrer, wie ich, Meter gut machen.
Die Fahrt ist wirklich entspannend, kein Knattern am Helm, kein Rupfen, kein Zupfen, einfach dahingleiten. Durch Oppenheim geht es einfach, ich nehme einen etwas anderen Weg aus der Stadt heraus und stehe einen kurzen Moment am Bahnübergang. Unter mir knistert die Maschine, ich komme mir vor, wie eine ganz große.




Einstellbares Federbein
Viel zu rasch vergeht diese Runde und ich bin fast schon traurig, daß ich schon wieder am Hof stehe.
Die CB 1000 R. Was soll ich sagen?
Toll. Sie ist zwar nicht die neueste im Honda Sortiment, aber das macht gar nichts. Sie ist für mich die Überraschung des Tages. Nie hätte ich gedacht, daß sie sich so einfach fahren lassen würde. Die etwas eigenwillig aggressive Optik mit der Gasmaskenanmutung hatte mich bislang eigentlich abgeschreckt.
Für ambitionierte Ein- und Wiederaufsteiger ist das die ideale Maschine. Ich könnte mir vorstellen, daß es insbesondere anderen Frauen genau so geht wie mir bisher, daß die Optik sie von dieser Maschine abhält. Sollte sie nicht. Probiert es aus!

Afrika! Oh, Afrika!
Zum guten Schluss: Die Africa Twin! Ich habe Glück und es steht die DCT - Variante noch auf dem Hof. Die Zeit reicht auch noch gerade so, also schnappe ich sie mir und reite davon. Was mir gleich auffällt, der Motor. Er hat etwas mehr Leben als der von Gesa. Mehr Eigenleben. Gesa schnurrt wie eine Katze, die Africa Twin bollert und vibriert. Das ist für mich erst mal ungewohnt, aber nicht unangenehm.
Das DCT der Africa Twin ist ein anderes, als zum Beispiel in der NC 750 X. Das muss es schon wegen des angedachten, etwas anderen Zwecks der Maschine sein. Die Africa Twin ist ein wahres Geländeross. Mit ihr kann man, wir haben das heute vormittag selbst er - fahren dürfen, ernsthaft ins Gelände. Auch wenn das praktisch niemand jemals tun wird, man könnte es jederzeit. Sie ist eine Art SUV auf zwei Rädern. In ihr steckt allerdings mehr Dakar als in den vierrädrigen Pendants. Deshalb schaltet das DCT auch ein wenig anders. Man merkt mehr von den Schaltvorgängen, es ist nicht ganz so nahtlos, wie bei den anderen. Es gibt zum Beispiel einen "G" Knopf, gleich neben dem Knopf, mit dem man das Hinterrad - ABS sedieren kann. Mit diesem "G" Knopf kann man im Gelände die Schaltungssteuerung ändern, so daß man besseren Vortrieb hat. Zudem lässt sich bei der Africa Twin die Traktionskontrolle in drei Stufen einstellen. Das alles bei fahrendem Motorrad. Das gibt es sonst nicht allzuhäufig.
Schalter für die Traktionskontrolle
Auch auf der Africa Twin muss ich mich erst einmal daran gewöhnen, daß die Automatik anders schaltet, als ich das tun würde. Sie schaltet immer sehr rasch hoch, auch wenn man noch in recht niedrigen Drehzahlbereichen ist. Das führt einen automatisch zu einem etwas gemütlicheren Fahrstil. Oder anders, man kommt nicht aus dem Quark, wenn man am Ortsausgang am Kabel zieht. Dafür hat der Konstrukteur uns aber auch etwas mitgegeben. Zum einen könnte ich jetzt die Kontrolle selbst übernehmen, entweder dadurch, daß ich mit der Plus und der Minustaste am linken Lenker meine Meinung zum Geschalte des DCT Kund tue, oder indem ich die Automatik ganz auschalte und komplett von Hand über diese Tasten schalte. Denn, wenn ich einfach so im Automatikbetrieb rauf, oder runterschalte, werde ich nach wenigen Metern bereits vom System wieder überstimmt und in die Ecke zum Schämen gestellt. Aber, es gibt ja auf der anderen Lenkerseite noch einen Schalter. 
Du erzählst uns was von DCT! Da ist aber doch ein Kupplungshebel. Gar nicht!! Das ist die Feststellbremse.

Auf dem steht nicht nur "N" und "D", wie man es von "normalen" Automatikgetrieben kennt, sondern auch noch "S". Hinter diesem Buchstaben verbergen sich drei "Sport" Modi. Ich kann also den Charakter der Schaltsteuerung einstellen. Wählt man da einen anderen Modus, geht es gleich ganz anders zur Sache. Dann läuft sie so, wie man es von ihr erwartet.
Getriebewellen aus einem DCT Getriebe. Vorgelege und Antriebswelle.
Aussendeckel mit den Ventilen für die Schaltvorgänge
Kupplungspakete
Auch bei der Africa Twin brauche ich allerdings nicht weit zu fahren, um festzustellen, daß ich mit dem Windschild nicht zurecht komme. Wenn ich in den Rasten stehe, was bei ihr angenehmer als bei Gesa ist, dann habe ich Ruhe am Helm, aber fahr mal die ganze Strecke im Stehen, oder wenn ich mich fast platt auf den Tank lege, oder mit krummen Rücken ganz tief bücke, dann geht es auch.
Aber weiter. Der tiefe Schwerpunkt zahlt sich auch auf der Landstraße aus. Ruhig und sicher gleitet man dahin. Kurven, egal ob schnell oder langsam, eng oder weit, bereiten keine Probleme. Allerdings ist das alles nichts, was andere Motorräder nicht etwa auch könnten. Mindestens mal genau so gut. 
Ich kann also verstehen, wenn manche Tester sich etwas enttäuscht über sie geäussert haben. Das ist etwas, was ich vermutlich genauso bei der BMW R1200GS erlebt hatte. Man erwartet vielleicht mehr, als das Motorrad jemals leisten kann. Es kann nicht fliegen, und wenn, ist das nicht gewünscht, es kann keinen Kaffee kochen und auch sonst keine wunderbaren Kunststücke. Aber dafür fährt es. Das allerdings sehr gut. Auf wirklich hohem Niveau. Es geht hier wirklich nur noch um persönliche Vorlieben, wie etwa beim Design, wo ich schon Stimmen hörte, die besonders lobten, daß sie keinen Schnabel habe, wie etwa andere ähnliche Gerätschaften und sie deshalb vorzuziehen sei. Mag sein. Oder der große Name, der bei vielen wohlige Erinnerungen weckt, oder den Geschmack nach weiter Welt auf die Hausrunde zaubert. Was mir wirklich gefällt, Honda hat es mit der Motorisierung nicht übertrieben. Keine PS Orgien. Da wäre bei einem Liter Hubraum aus zwei Zylindern vielleicht mehr als 95 PS drin gewesen, dafür ist sie standfest und die Africa Twin kann tatsächlich an vielen Orten der Welt repariert werden. Mit relativ einfachen Mitteln.
So verläuft meine Runde mit ihr durchs Rheinhessische harmonisch, aber ohne Auffälligkeiten. Sie ist ein Motorrad, wie man es erwartet hat. Nicht mehr und vor allem nicht weniger. Ich habe mich auf ihr wohl und sicher gefühlt, auch wenn ich schon wieder über den Windschild meckern muss und die Bereifung bei ihr auch auf Nässe etwas geschwächelt hat. Das lässt sich aber beim Reifenhändler des Vertrauens abstellen.




Und? Die Africa Twin?
Ja, ein tolles Motorrad! Und ein vielseitiges Motorrad. Eines, auf dem ganz unterschiedlich große Personen ihren Spaß haben werden. Die Sitzbank ist um zwei Zentimeter nach oben oder nach unten verstellbar und es gibt noch weitere Sitzbänke im Programm, mit der man sie individuell noch weiter anpassen kann. Ein Hondamitarbeiter sprach sogar davon, daß sie am Vortage jemanden mit 1,50m Körpergröße hätten glücklich machen können. Mir hat sie gut gepasst, ich bin sofort mit ihr gut zurecht gekommen, wenn nicht die leidige Scheibengeschichte wäre, wäre alles super. Eine niedrigere Scheibe gibt es leider nicht, im Gespräch stellte mir ein Mitarbeiter eine höhere in Aussicht. Das bliebe auszuprobieren.
Wie alles von Honda, ist sie durchdacht konstruiert, sogar an die Scheinwerferlampen käme man supereinfach und ohne großes Brimborium dran. Aber, was sollte man dort wollen, das sind LED Lichter.
Wenn man ein Multitalent sucht, das zudem auch für kleine Fahrer und Fahrerinnen passen soll, dann sollte man auf jeden Fall eine Probefahrt buchen. Bei der wird es dann auch zunächst bleiben müssen, denn sie ist bis Oktober schon ausverkauft. Wenn man Glück hat, bekommt man noch eine, die ein weiser Händler auf Vorrat bestellt hat. 


Welch ein toller Tag! Die Vorstellung der neuen Africa Twin hätte Honda für uns nicht besser inszenieren können! 
Vielen Dank noch mal für alles an das tolle Honda Team!




*Frei nach "Foyer des Arts"...