Donnerstag, 1. September 2016

In Hamburg sagt man Tschüß! - Wieder Richtung Süden.

+++31.05.2016+++


"Klack!" Der zweite Koffer rastet an Gesas Halterung ein. Den Schlüssel rumgedreht und ins Zündschloss gesteckt. Nun nur noch den Helm auf, die Handschuhe an und dann geht es los. Wieder weg von Hamburg. Richtung "Nach Hause". Von zu Hause nach zu Hause. Ich mag diese Abschiede nicht. Es liegt dann immer eine unbestimmte Zeit vor mir, in der ich nicht weiß, wann ich zurückkehren werde. Zurückkehren. Wohin eigentlich? Meine Familie ist ziemlich umfassend auf Friedhöfe in der Region verteilt.
Aber halt! Da sind Freunde, sehr liebe Menschen, die auf mich hier warten. Polly ist so ein Mensch. Und Svenja. Corinna und Heide. Leonhardt und Olga in Maschen. Die mich eigentlich jetzt brauchen würden, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Da hinten, ganz klein, steht Gesa. Könnt Ihr sie erkennen?
Ich lasse das Visier einrasten und drücke den Startknopf. "Brmmm!" Gesas Zweizylinder erwacht unter mir. Ich schubse mich mit ihr zurück und dann rollen wir schon über das buckelige Pflaster aus der Hofeinfahrt. Tschüß, Mellingburger Schleuse!
Ich rolle hinunter in die Stadt. In Eppendorf ist mal wieder sonstwas los, ich drifte etwas von meinem Weg ab, an der Tarpenbekstraße ist Chaos, aber habe bald drauf einen guten Weg gefunden und steuere auf den Klosterstern zu. Hier hemmt auch eine Baustelle meinen Weg, aber ich komme trotzdem auf die richtige Abzweigung in Richtung Dammtor. Das geht aber alles von meiner Frühstückszeit ab. Ich habe einen Termin in der Stadt und möchte vorher noch etwas im Magen haben. Ich lasse mich mit Gesa in Richtung Kaufmannshaus treiben und stelle sie dort ab. Hier finde ich im Umkreis von hundert Metern auf jeden Fall etwas, wo ich ein Frühstück serviert bekomme. In der Hanseviertelpassage gibt es, was ich suche. Aber erst, nachdem ich sehen musste, daß es meinen geliebten Schiffsbücher Laden nicht mehr gibt. Schon wieder was weg!
Das Frühstück ist nicht zu teuer, dennoch reichhaltig und sehr schmackhaft. Beim servierten Obst bin ich zunächst etwas skeptisch, aber ich vetrage es dennoch gut.
Während ich dort so sitze, beobachte ich einen etwas linkischen jungen Mann, der sich im vorderen Bereich niederlässt und ein Wasser bestellt. Als er bezahlt hat und verschwunden ist, liegt seine Jacke immer noch dort. Vergessen. Die Leute vom Café nehmen sie in Obhut. Als ich dann nach einer Weile gehe, sehe ich ihn auf dem Rondell sitzen, wo früher das Geländer war und man ins Untergeschoss schauen konnte. Ich spreche ihn an, sage ihm, daß seine Jacke noch im Café liegt und lasse ihn verdutzt zurück.
Mein Termin ist wie immer nur Minutensache und so bin ich bald bei Gesa zurück, die auch artig auf mich gewartet hat.
Wir schlängeln uns am Hafenrand entlang und rollen auf der Amsickstraße schließlich aus der Stadt. Wieder wälzt sich die Elbe unter uns entlang, die stählernden Streben der Norderelbbrücke fliegen im Augenwinkel an uns vorbei, ich setze den Blinker auf die Wilhelmsburger Reichststrasse. Harburg, die Phoenix grüßt von rechts. Hier riecht es schon lange nicht mehr nach verbranntem Gummi. Ein unbedingtes Merkzeichen, wenn man aus dem Zug stieg. Am Bahnhof Harburg bin ich oft ausgestiegen, um dann mit dem Postbus, der in der Tür noch den Briefschlitz hatte, nach Hittfeld hinauszurumpeln. Manchmal sind meine Mutter und ich aber auch mit dem Spielbankbus vom ZOB aus nach Hittfeld gefahren. Ich sehe mich noch abends mit ihr dort, unweit des Hauptbahnhofes, stehen und die gelberleuchteten Straßenbahnen an mir vorbeiheulen.
Es dauert nicht lange, dann stehe ich wieder in Hittfeld an der Aral Tankstelle und lasse die Luft aus Gesas Tank. Ich werde gleich noch mal auf dem Friedhof schauen, ob ich dort jemanden antreffe, dem ich mein Leid klagen kann.
Bei dem kleinen Schuppen, den die Leute vom Friedhof für ihre Geräte brauchen, treffe ich auch zwei Männer an. Einer ist der etwas ältere mit den roten Bäckchen, der damals die Urne für meinen Vater entgegengenommen hatte, die fälschlicherweise nicht mit seiner Aschenkapsel gereist war und der später noch in einem sagenhaft verknitterten Anzug bei der Beerdigung eine tragende Rolle einnahm, der andere ist fast so groß wie ich, etwas älter als ich und sieht mich schon von weitem den Weg bestimmten Schrittes entlangkommen. "Bitte nich hauen!" ruft er mir schon zu, als ich noch ein paar Meter entfernt bin und dukt sich schützend hinter seinen Arm. Ich erkläre was passiert ist und sie machen beide einen betroffenen Eindruck. Ja, so etwas käme immer wieder vor. Aber Buchstaben? Figuren, ja, das gäbe es häufiger. Der Große geht mit mir nach vorne zu dem Raum, wo sie ihr kleines Büro haben und gibt mir einen Zettel mit Steinmetzfirmen, die hier öfter zu tun haben. Mehr kann er nicht tun. Ich bedanke mich, gehe noch mal am Grab vorbei und kehre dann zu Gesa zurück. Es ist ein unbefriedigender Aufbruch. Ich biege links ab und halte auf Jesteburg zu. Die Sonne ist wieder herausgekommen und es ist in der Zwischenzeit schon wärmer geworden. Nun ist es allerdings auch bereits halb zwei. Ich fahre unter Bäumen entlang, Schatten liegt auf der Straße, die Felder sind noch grün, so früh im Sommer. Meine Gedanken hängen immer noch auf dem Friedhof fest und so kann ich die schöne Fahrt nicht so recht genießen. 
In Jesteburg erwarten mich Baustellen, aber ich komme dennoch gut durch. Es ist vergleichsweise wenig los und ich eile mit Gesa flott über die Heide. 
Ein, zwei Mal hemmen noch Baustellen unseren Lauf, dann sind wir auch schon hinter dem Truppenübungsplatz in Munster und halten auf Bergen zu. Dieses Bergen hat einen faden Beigeschmack im Namen. Belsen.
Hier, inmitten der schönsten Landschaft, haben die Nazis eines ihrer Läger eingerichtet gehabt. Zunächst ein Kriegsgefangenenlager und "Lazarett" in Baracken, die vorher zum Bau des Truppenübungsplatzes genutzt wurden, war es später, gegen Kriegsende ein Konzentrationslager, das mit zu den großen Lägern gehört hatte. Hierher kamen gegen Kriegsende die Transporte von Lägern, die nahe der Front gelegen hatten. Hierher schickten nach dem Kriegsende die englischen Befreier die HJ Führer der Umgebung, daß sie die ehemaligen Gefangenen pflegten. Mein Vater war als knapp fünfzehnjähriger Fähnleinführer dort mit dabei. Er hat nie von dieser Zeit erzählt.
Mir fehlt heute die Zeit, aber auch die Muße, mich mit der Gedenkstätte zu befassen. Ich vertage das hiermit. Stattdessen halte ich auf Celle zu. Schnurgerade verläuft die B3 durchs flache Land. Meine Gedanken können ein wenig spazierenfahren. 
Erst in Celle selbst wird der Geist wieder gefordert. Es gibt wieder Baustellen und etwas Verkehr. Aber es dauert auch nicht allzulange, dann sind wir wieder auf freier Strecke und ich überlege mir, ob nicht ein Kaffee, und/oder ein paar Erdbeeren jetzt etwas Feines sein könnte. 
Meine Suche ist aber etwas halbherzig und so mache ich erst vor einem Einkaufszentrum in Burgdorf den Motor aus. Wie ich gerade den Helm abstreife, klingelt mein Telefon. Der Friedhofsgärtner aus Bahrenfeld. Ich war gerade so schön wieder zu Laune gekommen. Außer ein wenig Gestammel und Betroffenheitsblabla bringt er nichts zustande. Ich stopfe das Händi wieder in die Jackentasche und stapfe in den Supermarkt. Die haben hier ein Eiscafé! Klasse, das ist jetzt meines. Ein wenig bin ich verschwitzt, die Temperaturen haben die dreißig Grad erreicht. Ich suche mir einen Platz im kühlen Innenraum und ordere Kaffee und Eis. Getrennt von einander. Heiß und kalt. Das ist jetzt genau das, was ich brauche.
Nach der kurzen Pause geht es sichtlich erfrischt weiter. Von jetzt an heißt es, Hannover auf dem bestmöglichen Wege zu umgehen. Ich folge der B443 geradewegs in Richtung Lehrte. Durch die Stadt geht es etwas zäh, der Berufsverkehr naht. 
Als ich auf dem halben Weg nach Sehnde anhalte, um ein Foto zu machen, klingelt schon wieder das Telefon. Bis ich die Jacke aufgenestelt habe, und den Helm vom Kopf, hat es auch schon wieder aufgehört. Nanu? Hamburger Nummer? Nochmal der Gärtner? Ich stutze. Nein, es ist eine Anwältin, die im Namen ihrer Klientin eine Lizenzfreigabe für Bilder haben möchte, die meine Tante gemacht hatte. Ich stehe also am Rande einer Bundesstraße, mitten im Nichts und verhandele am Telefon mit einer Anwältin über vierzig Jahre alte Fotografien. Ich komme mir irgendwie doof vor.
Vor Laatzen erwischt mich der Berufsverkehr. Wir stehen vor einer Ampel an der Autobahnauffahrt. Danach geht es etwas flüssiger, bis ich schließlich wieder auf der B3 bin und fast alleine meine Spur ziehe.
Hier in der Gegend bin ich schon ein paar Mal gewesen, in Alfeld gab es einen Laden, der mein Frühstücksgeschirr als Generalvertreter noch hatte. Doch irgendwann hat auch dieser Laden auf einmal die "Räumungsverkauf" Schilder im Fenster gehabt und Alfeld lebt seitdem ohne meinen Besuch.
So spule ich in der abendlichen Sonne die Kilometer dahin, bis auf den Schildern der Name "Einbeck" erscheint. Ich beschließe, schon mal eine Vorbesichtigung für morgen zu unternehmen und steurere in die Stadt hinein. Mein Ziel ist leicht zu finden, also mache ich kehrt und suche mein Hotel. Es liegt in Lüthorst, ein paar Kilometer von Einbeck entfernt.
Es sind kleine, typische Dörfer, durch die ich fahre und auch Lüthorst präsentiert sich als Ort voller Fachwerkbauten, kleiner und größerer Höfe und einer Straße, die sich hindurchschlängelt. Ich muss einmal abbiegen und folge einer kleinen Wohnstraße, bis fast ans Orstende. Dort liegt mein Hotel. Ich stelle mit Gesa das einzige Fahrzeug dar, das unter den neugierigen Blicken der Nachbarn, die einen vierzigsten Geburtstag auf der Straße feiern, vor dem Hotel einparkt. Die Gastwirtschaft sieht seltsam dunkel aus. Hoffentlich ist jemand da!
Ich lasse alles bei Gesa und erkunde die Lage. Die Tür ist offen. Schon mal was. Hinter der Theke wartet ein Mann auf mich. Er begrüßt mich freundlich, händigt mir meinen Zimmerschlüssel aus und verkündet, daß heute Ruhetag sei. Misto. Nix zu Essen! Ich beschaue das Zimmer, trage also die Koffer hinein und den Tankrucksack und frage den Mann noch mal, wo ich denn nun noch etwas zu Essen herbekomme. "Hm, da müssen sie bis Einbeck fahren, da werden sie wohl noch Glück haben. Sie sollten aber nicht zu lange warten. Zum Einen machen die da früh Schluss, zum Anderen sieht es nach Regen aus." Also mache ich mich nur rasch frisch und sehe dann zu, daß ich nach Einbeck zurück gelange.
Die Stadt empfängt mich als alte, sehr schöne, gut erhaltene Fachwerkstadt. Ich bin etwas überrascht. Meine andere Kamera habe ich im Hotel gelassen. Also muss die kleine Panasonic ausreichen. 







Ich übe mich kurz in etwas Expresstourismus und finde dann ein Restaurant, das mir vertrauenswürdig aussieht. Hier wird Steak gereicht.
Ich setze mich hinein, um ein wenig Ruhe zu haben, aber bald kommen ein paar österreichische Bengels und bevölkern lautstark einen Tisch in meiner Nähe. Von diesen Jungs wimmelt die ganze Stadt. Ich esse mein Essen, trinke mein alkoholfreies Hefeweizen und sehe zu, daß ich bezahlt bekomme.
Der Hotelwirt hatte mir einen Platz hinter dem Haus gezeigt, wo ich Gesa im Trockenen aufstellen könnte, den steuere ich nun an. Ich kann sie unter einem Vordach aufstellen, hinter der Küche. Dort stört sie niemanden und wird nicht naß, wenn es heute Nacht regnet.
Es ist noch hell draußen und der angekündigte Regen läßt auch noch auf sich warten, also ziehe ich mich rasch um und mache mich mit der Kamera noch mal auf, das Dorf zu erkunden.


Wilhelm Busch ist hier allgegenwärtig. Nahe der Kirche erfahre ich auf einer Tafel auch, warum das so ist. Er hat hier bei einem Verwandten einige Zeit seines Lebens verbracht. Hier hat er auch einige seiner bekannten Werke verfasst. Ich schleiche im Dämmerlicht durch die Gassen und versuche mir vorzustellen, wie es damals wohl ausgesehen haben mag. 






Schließlich wird es ganz dunkel, kein Büchsenlicht mehr und ich kehre zurück zu meiner Unterkunft. Dort wartet ja auch noch mein kleines Büchlein auf mich, in dem ich die Erlebnisse vom Tage aufschreibe.
Allzulange wird dieser Abend dann nicht mehr dauern, bis ich das Licht ausknipse und mich schaflos in Morpheus' Arme begebe.


Das waren heute 270 km Wegs. Viel gerade Strecke, aber schöne Landschaft.

Heute bin ich noch mal ohne Regen davongekommen. Drückt mir die Daumen, daß es so bleibt! Es sah ja zuletzt noch ganz nett aus...

Donnerstag, 25. August 2016

Zwei Damen am Grill

+++30.05.2016+++


Als ich aus der Tür trete, ist gleich eine ganz andere Luft als gestern. Es scheint die Sonne, es riecht nach Sonne und es wird bereits langsam warm. Dabei ist es erst gegen neun. Den Tag lasse ich mir gefallen. 





Es dauert nicht lange, da bollern Gesa und ich bereits durch Poppenbüttel und halten uns in Richtung Flughafen. Polly hatte da in einem ihrer Artikel von einem Lokal am Flughafen berichtet, dort möchte ich nun hin zum frühstücken.
In Hummelsbüttel biege ich ab und fahre zunächst einfach mal der Nase nach. Bis ich in einer Sackgasse hinter einem Radarturm zum Stehen komme. Auf der linken Seite stehen ein paar Baracken. Ich schaudere. So etwas ähnliches habe ich mal in einem Traum gesehen. Und zwar hier in der Nähe. Diese Baracken stellen sich als Unterkünfte für Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg heraus. 

Die aus meinem Traum waren allerdings blaugrau, hatten einen anderen Zweck, gehörten zur Wehrmacht und sahen auch etwas anders aus.
Daß ich diesen Traum gehabt hatte, liegt schon gute zwanzig Jahre zurück. Er ist allerdings so plastisch gewesen, daß er mir noch heute wie ein Film vor Augen ist.
Ich zerstreue meine Gedanken, indem ich die Informationstafel lese und danach dann auf meinem Händi schaue, wo mein Ziel denn nun tatsächlich liegt. So falsch bin ich gar nicht, ich muss noch ein Stück in Richtung Norderstedt und dann bei einer Tankstelle abbiegen. Am Flughafen hat sich in den letzten Jahren so viel verändert, daß das alles gar nicht mehr wiederzuerkennen ist. Die Straßenbahnschleife ist verschwunden, alles ist viel größer geworden und es gibt viel mehr Beton.
Ein paar Minuten später aber tickt Gesa bereits vor dem Coffee to Fly
Es liegt bei einem beliebten Aussichtspunkt auf die Start und Landebahn des Flughafens Fuhlsbüttel. Die startenden Flugzeuge kann man hier gemütlich mit Brötchen und Kaffee in der Hand beobachten. Das tue ich auch, ich habe mir ein Frühstück und ein Rührei bestellt und sitze gemütlich an einem Tisch und lasse es mir gut gehen.
Nach dem gelungenen Frühstück sattele ich Gesa wieder, denn ich habe heute noch einiges vor. Zunächst muss ich nach Bahrenfeld. Das war eigentlich nicht geplant, aber wegen der Friedhofssache muss ich meinen Tagesplan nun etwas ändern. Also rolle ich in Richtung City, biege dann am Nedderfeld ab und folge dem Ring bis es rechts nach Lurup geht. Dort biege ich links ab und bin schon bald am Altonaer Volkspark. Drüben, bei DESY und auf dem ehemaligen Flugplatz, sind Bauaktivitäten zu sehen.
Ich suche den Gärtner, der sich um das Grab meiner Eltern in Hittfeld kümmert. Mein Ziel liegt laut Internet nahe des Haupteingangs vom Friedhof. Bis vor kurzem hatte das ja noch der lokale Gärtner in Hittfeld gemacht, den ich auch schon lange kenne, dann hatte er aber scheinbar keine Lust mehr und hat dieses Geschäftsfeld an einen Gärtner in Altona übergeben. Den suche ich jetzt. Ich weiß, daß hier eine Gärtnerei ist, aber daß sie so klein ist, genaugenommen nur eine Art Kiosk, das hatte ich so dann doch nicht in Erinnerung. So finde ich auch nur eine Verkäuferin vor, die nichts weiter tun kann, als mir zu versprechen, daß ihr Chef mich anrufen würde. Etwas zähneknirschend verlasse ich den Laden.
Mittlerweile ist es wirklich warm geworden und meine Funktionsunterwäsche ist deutlich zu viel unter der Lederjacke. In unmittelbarer Umgebung finde ich einen Rhododendronbusch, hinter dem ich rasch mich des überflüssigen Oberteils entledigen kann. So ist es gleich viel besser.
Ich habe gestern abend festgestellt, daß mein Kettenspray, das ich im Tankrucksack habe, mal wieder leer ist. Das scheint eine hervorstechende Eigenschaft zu sein, die vorwiegend in Norddeutschland aufzutreten scheint. Also fahre ich in die Kieler Straße, denn hier sind die üblichen Läden zu finden und schon bald habe ich wieder eine frische kleine Dose im Gepäck und sehe nun zu, aus der Stadt herauszukommen.
Ich zickzackele mich in Richtung Langenhorn durch und schwitze mich durch Baustellen und ewige Ampelphasen. Irgendwann stehen die Wegweiser auf "Segeberg" und ich kann Gas geben. Da ich durch die Exkursion nach Bahrenfeld etwas in meinem eigentlichen Zeitplan durcheinandergekommen bin, sehe ich zu, daß ich vorankomme. Ich kurve etwas um Bad Segeberg herum und finde mich bald auf den geliebten kleinen Straßen wieder. So nähere ich mich dem Warder See an. Wenn ich schon mal hier bin, dann biege ich hier auch noch mal kurz ab, und so stehe ich bald drauf wieder vor dem Tor des Gutes Wensin. Hier zieht es mich immer wieder magisch hin. Irgendwann werde ich die Zeit und den Mut haben, vorzufahren und zu klingeln.
Nach ein paar Minuten, die ich im Schatten stehe und meine Landkarte neu sortiere, mache ich mich zur nächsten Etappe auf. Es geht geradewegs durch in Richtung Plöner See. 
Die Strecke ist einfach wunderbar, es ist eine herrliche kleine Straße, die sich, den Vorgaben der Landschaft folgend, durch Felder und Wälder windet. 





Um den Plöner See zu erkunden, er sieht etwas aus wie der Schattenriss von Afrika (das ist auch Werner - Erfinder Brösel mal aufgefallen), fehlt mir heute die Zeit. So wechsele ich auf eine etwas breitere Straße und folge den Wegweisern, die "Kiel" verheißen. 
Die Bauarbeiten auf der autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraße, die in die Stadt hineinführt, sind noch immer nicht ganz beendet, es geht aber einiges flüssiger vorwärts als im vergangenen Jahr. Ich muss dieses Mal nicht in Richtung Hafen und fahre also eine Abfahrt weiter. Ich halte mich in Richtung Innenstadt. Meinem Instinkt folgend biege ich ab und sehe schon von weitem mein Merkzeichen. Ich bin richtig. Allerdings bin ich jetzt eine halbe Stunde zu früh. Ich drehe also noch ein paar Runden durch Kiel und lerne die Stadt etwas besser kennen, dann kreise ich mein Merkzeichen wieder ein und suche mir einen guten Platz, an dem ich Gesa abstellen kann, ohne daß sie zu sehr stört. 
Den Helm und den Tankrucksack genommen und dann um die Ecke und geklingelt. Als der Türöffner schnarrt, muss ich noch ein paar Treppen hochsteigen und dann bin ich da. Svenja begrüßt mich fröhlich. "Schön, daß Du da bist, komm rein!" Erst mal die Jacke ausgezogen und ankommen. Ich werde auch sogleich auf die Prämiumführung durch die Wohnung gebucht und lerne das alles nun live kennen, was ich bislang nur aus dem Blog kannte. Und ich lerne endlich Pieps kennen. Svenja bereitet mit ihr gerade ihre Baltikumreise vor und hat das Gepäck schon zu weiten Teilen zusammengestellt. So sehr weicht das nicht von meinem Campinggepäck ab. 
Aber bald schon sitzen wir auf dem Balkon, ein alkoholfreies Bier in der Hand und schauen in den sonnenbeschienenen Hof. Neben uns brutzeln zwei Steaks auf dem Grill und es könnte kaum schöner sein. Wir reden über das Reisen, das Fotografieren, das Motorradfahren, es gibt eine Menge Themen, die wir gemeinsam haben, das haben wir ja beim letzten Treffen schon festgestellt. Die Steaks sind köstlich und so sitzen wir bis es anfängt zu dämmern. In der Zwischenzeit hatte es sich einmal kurz zugezogen und in der Ferne etwas gedonnert, aber das ist nun schon wieder vorbei und die Sonne scheint wieder. Es ist Ende Mai, da wird es spät dunkel und so ist es auch bald zehn, als ich aufbreche. Svenja meint ganz erschrocken, "so lange bin ich zuletzt an Silvester aufgewesen!"
Sie kommt noch mit runter, um Gesa zu begutachten und sagt, ich solle auf dem Rückweg auf mich aufpassen und dann muss ich auch schon wieder den Motor anlassen und verschwinde in die beginnende Nacht. 
Das ist auch wieder so ein Abschied, der schwer fällt. Wir hätten noch so viel zu erzählen. Aber das werden wir fortsetzen!
Als ich aus Kiel herauskomme, verfrantze ich mich etwas. Ich lande schnurstracks auf der Autobahn. Da will ich aber nicht hin. Also fahre ich an der nächsten Abfahrt ab und zackere mich durch, bis ich auf die richtige Straße gelange. Nach ein paar Kilometern wird die Straße naß, Wasser liegt in der Luft. Hier hat es geregnet und es regnet ab und zu immer noch ein wenig. In der Ferne, zu meiner linken, sehe ich Wetterleuchten. Es ist mittlerweile ganz dunkel geworden, die Wolken haben den letzten Abendglanz genommen. Ich fahre sturheil durch eine kilometerlange Baustelle. Die Bundesstraße wird zur A21. Vorbei an Bornhöved jagen Gesa und ich durch die Nacht. Schließlich kommt meine Abfahrt in Högersdorf und ich bin wieder auf der Straße, auf der ich heute mittag aus Hamburg hinausgefahren bin. Hier ist es abwechselnd naß und trocken. Es ist kurz vor elf, als ich nach Hamburg hineinkomme. Ich fahre durch fast ausgestorben wirkende Vororte und komme irgendwann, als ich kaum noch dran glaube, nach Poppenbüttel. Nun muss ich nur noch zwei Mal links und dann ist es nicht mehr weit. Es ist noch nicht lange nach elf, da habe ich Gesas Motor abgestellt und sie tickt neben mir auf dem Hof des Hotels. Ich sprühe rasch noch etwas Fett auf die Kette und verschwinde dann, so leise es geht, im bereits schlafenden Hotel. 

Den Regen auf der Rückfahrt hätte es nicht gebraucht. Aber ansonsten ein wunderbarer Ausflug.
Vielen lieben Dank, liebe Svenja, für diesen wunderherrlichen Nachmittag mit Dir auf Deinem Balkon. Hoffentlich können wir so etwas bald mal wieder machen...